Atmosphäreneffekt, Klimabedingung - und wie der Mensch durch seine Wirtschaftstätigkeit das Klima auf der Erde mitgestaltet
Wie sieht es mit der Venus und ihrer Atmosphäre aus?
(in der Fassung des Kapitels 8.5 der 2. Auflage des Buches)

Wie sieht es jedoch mit der Venus aus? Und: Warum unterscheidet sich die Venus so gravierend von der Erde, wo doch wesentliche planetare Größen denen der Erde so ähnlich sind?
Für das Verständnis der Venus könnte die ESA-Sondenmission „Venus Express“ von erheblicher Bedeutung werden. Deshalb wird auch, so bereits vorliegend, auf diese Daten zurück­ge­griffen [5]. Das Wichtigste ist zunächst die Feststellung eines Temperaturgradienten im mittleren und un­teren Teil der Ve­nus-Troposphäre von etwa − 8 K km-1. Sie muss offenbar als „pseudo“-adiabatische Rate charakterisiert werden [1] . Mit  

g = 8,89 m s-2 und cp = 850 J/kg K lässt sich eine trocken-adiabatische Temperatur­senkungsrate von etwa 10,5 K km-1errechnen. Wenn man nun an­nimmt, dass die Ab­strahlungshöhe der Ve­nus­atmosphäre im Bereich der weit­gehend geschlos­senen Wolken­schicht (aus Schwefel­säure­­wolken; dafür muss der erforderliche Wasserstoff bzw. das Wasser vorhanden sein, ggf. auch aus aktiven vulkanischen Quellen) liegt, kann man dafür etwa ansetzen: reichlich 60 km. Dann er­­gibt sich ein über­schläg­licher atmo­sphä­rischer Tem­peratur­effekt von 62 km ∙ 8 K km-1 =   500 K. Dieser liegt außer­ordentlich viel höher als bei der Erde – hervor­gerufen durch die sehr viel mächtigere At­mo­sphäre der Venus (3,8 ∙ 1020 kg im Unter­schied zur Erde mit 5,1 ∙ 1018 kg). Wenn man das Strah­lungs­gleich­ge­wicht der Ve­nus überschläglich mit rund 160 W m-2 an­setzt [2] , kann man ihm eine Strahlungsgleichgewichts­tem­pera­tur von ungefähr 230 K zuordnen. Die Solarkonstante ist mit un­gefähr 2615 W m-2 zwar wesentlich größer als die der Erde (verständlich auf Grund der größeren Nähe zur Sonne), je­doch ist die planetare Albe­do der Venus ebenfalls viel größer als die der Erde, im Wesentlichen bestimmt durch die ge­schlossene Wolkendecke (etwa 0,76 zu etwa 0,31), so dass sich das relativ niedrige pla­netare Strahlungsgleich­ge­wicht der Ve­nus erklären lässt. Den­noch ist – wegen des außer­or­dent­lich hohen atmo­sphärischen Tempera­tureffekts – die Oberflächen­tem­pe­ra­tur der Venus mit etwa 230 K + 500 K = 730 K sehr, sehr hoch – höher noch als die Temperatur, die der Merkur als sonnen-nächster Planet auf seiner Oberfläche erreicht. Dazu trägt gewiss der gewöhn­liche Treibhauseffekt bei, also die stark be­hinderte Konvek­tion, die das bekannte gärtnerische Glas­haus auf der Erde charakterisiert – eben auf Grund der weitgehend ge­schlos­senen Wolkendecke rund um den Plane­ten. Strah­lungs­vorgänge sind auch auf der Venus von unterge­ord­neter Bedeu­tung – selbstver­ständ­lich mit Ausnahme der Wärme­abstrahlung des Planeten. Also auch nichts mit einem galop­pierenden Treib­haus­effekt auf der Ve­nus, auf den manche Autoren so gern verweisen! Den Haupt­unter­schied zur Erde bildet der Umstand, dass auf der Venus in der Frühzeit kein flüssiges Wasser das Kohlen­stoff­dioxid aus der Atmo­sphä­re ausge­waschen hat, stattdessen Was­serstoff durch Strah­lungs-Disso­ziation von vorhan­denem Was­serdampf in den Welt­raum abge­driftet ist [3]  [7]. Venus ist an seiner Ober­fläche und in der un­teren Tropo­sphäre ein weitgehend trockener Planet.

An dieser Stelle sei ein Vergleich der klimatisch charak­te­ris­tischen Wer­­te auf der Venus mit den von Sorokhtin [8] auf der Grundlage seiner adiabatischen Theorie des Treibhaus­effekts erhaltenen Werten ange­stellt:

*mittlere Temperatur an der Venusoberfläche: 735,3 K

*Strahlungsgleichgewichtstemperatur der Venus: 228 K

*adiabatische Temperatursenkungsrate in der unteren Venusat­mo­sphäre: − 7,9 K km-1

Der Vollständigkeit halber soll hier angemerkt werden, dass sich der Autor des vorliegenden Buches bereits früher zu den klima-charak­te­ristischen Werten der Venusatmosphäre ge­äußert hat [9] und zu den fol­gen­den Ergebnissen gekommen ist. Mittlere Tem­peratur an der Ober­fläche: 730 K; Strahlungsgleich­gewichts­temperatur: 231,7 K; adiabati­sche Temperatursenkungsrate: 8,3 K km-1.

In allen Fällen gibt es eine durchaus befriedigende Übereinstimmung, trotz der teilweise vorgenommenen starken Vereinfachungen.

Man kann resümieren, dass den atmosphärischen Gegeben­heiten auf der Venus die gleichen physikalischen Gesetzmäßig­keiten zugrunde liegen wie auf der Erde – trotz völlig unter­schiedlicher stofflicher Zusammen­setzung der Atmo­sphä­re. Die beiden Temperaturwerte 730 K (an der Oberfläche) und 230 K (im Strahlungsgleichgewicht) charakterisieren die At­mo­sphäre der Venus. Trotz der dichten Bewölkung wärmt die Son­ne den Venusboden auf. Dieser gibt seine Wärme konvek­tiv und ra­diativ an die Atmosphäre ab. In ihr werden die Wär­meströme nach oben transportiert. Die Wolkenschicht behin­dert die Aufwärtsströmung, doch letztlich strahlt sie die Wär­me­strahlung des Systems Venus/Atmosphäre an das Weltall ab. Mit diesem Wärmedurchfluss vom Venusboden durch die Venus­atmosphäre und die Abstrahlung aus der Wolkenschicht gibt es eine stabile Temperaturschichtung [4]  g/cp (trocken und feucht). 


 [1]  Jelbring [6] merkt dazu an: „Interessanterweise bildet die Modell­atmosphäre den Zustand eines energetischen Gleichgewichts aus, un­ab­hängig davon, ob Licht direkt die Planetenoberfläche erreicht oder nicht. Das erklärt, warum Ve­nus eine quasi- oder nass-adiabatische Temperatursenkungsrate in ihrer Tropo­sphäre hat.“

 [2]  Dabei wird überschläglich davon ausgegangen, dass die wesent­liche plane­tare Reflexion an der Wolkenschicht stattfindet. Die plane­tare Albedo beträgt 0,76. Damit gelangt etwa ein solarer Strahlungs­anteil von 2615 W m-2 ∙ 0,24 = 627,6 W m-2 durch die Wolken hindurch. Geteilt wieder durch den Geo­metrie­faktor 4, errechnen sich rund 157 W m-2 - eine ähnliche Größe wie bei der Erd­oberfläche - , die von der Venusoberfläche im globalen Durch­schnitt absor­biert und dann wieder an die Troposphäre übergeben werden. Sie wer­den letztlich als Wärmestrahlung von den Wolken ins Weltall ab­ge­führt. 

 [3]  Venussonden haben bis einige tausend Kilometer Höhe über der Venus un­gewöhnlich viel Wasserstoff gemessen. Außerdem hat sich offenbar im Lauf der Zeit in der Venusatmosphäre schwerer Wasser­stoff relativ ange­reichert, der auf Grund seiner höheren Masse weniger schnell ins All ent­weichen kann.  [7]

 [4]  „Wie auf der Erde ist es auch auf der Venus in Bergen kälter und in Tälern wärmer“ wird in einem Bericht der LVZ [10] aus dem Institut für Planeten­forschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raum­fahrt mitgeteilt.

[5] Ingersoll, A. P.: Venus: Express dispatches. Nature, 450, 617-618.

[6] Jelbring, H.: The „Greenhouse Effect“ as a function of atmospheric mass.  Energy & Environment, Vol. 14, Nos. 2 & 3, 351-356, 2003.

[7] Kippenhahn, R.: Abenteuer Weltall. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1991.

[8] Sorokhtin, O.G.: Adiabatische Theorie des Treibhauseffekts. In: Möglich­keiten der Verhinderung des Klimawandels und seiner negativen Auswir­kun­gen (russ.). Moskau: Verlag Nauka, 2006, S. 101-129.

[9] Brune, W.: Gravitation and gas laws: an alternative approach to climato­lo­gy. Energy & Environment, Vol. 20, No. 7, 2009, 1141-1147.

[10] Leipziger Volkszeitung, 7.5.2010, Magazin (Wissenschaft), S. 7.

  
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