Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und eine Bringeschuld 

Interview der Leipziger Volkszeitung mit Prof. Dr. W. Sandner, Präsident der DPG
(LVZ v. 4.6.2010, Magazin, S. 7 - Wissenschaft -)

Das Interview ist bei mir auf ein erhebliches Interesse gestoßen, spricht es doch – neben der direkten Fachbezogenheit des Präsidenten – zwei ganz wesentliche Themenkreise an, denen sich die DPG in der nächsten Zeit zuwenden will: Klima und Energie. Das sind Schlüsselfragen für die künftige Entwicklung, die inzwischen längst den Rahmen der Wissenschaft gesprengt haben und direkt auch Wirtschaft und Politik betreffen – mit der unangenehmen Nebenwirkung, sich damit zunehmend der Sachlichkeit zu entziehen und manipulierbar zu werden. Umso mehr ist es notwendig, in diesen Bereichen die Unabhängigkeit und Sachbezogenheit der Wissenschaft zu unterstützen, damit sie möglichst viele und gut untersuchte „Alternativen anbieten“ kann, wie am Beispiel der Kernfusion ausgesagt wird, die dann wirtschaftlich und politisch verantwortungsbewusst genutzt werden können – im Rahmen wirtschaftlicher Vernunft und rechtlich fundierter Sicherheitskriterien. Jetzt schon, ohne eine solche Grundlage zu haben, bestimmte Entwicklungen, beispielsweise im Bereich Energie, nach Parteiprogramm zu favorisieren und andere auszuschließen, ist nicht nur kurzsichtig, sondern im Hinblick auf unsere nachfolgenden Generationen unverantwortbar, weil die Gefahr besteht, dass begrenzte wirtschaftliche Ressourcen falsch eingesetzt werden und damit erfolglos bleiben. Eine solche Borniertheit werden uns unsere Kinder und Enkel nicht verzeihen, gleichgültig, wie sie motiviert sein mag – ob aus Egoismus oder aus Verzagtheit. Um es also noch einmal ganz deutlich auszusprechen: Kernkraftwerke auf Basis der Kernspaltung werden wegen der Endlagerung keine „auf Dauer angelegte Energieversorgung“ darstellen können; sie können jedoch helfen, für eine bestimmte Zeit Versorgungslücken zu schließen, beispielsweise durch permanente Nachrüstung und Laufzeitverlängerung bestehender Anlagen. Ganz anders verhält es sich aber hinsichtlich der Kernfusion. Sie stellt tatsächlich eine Zukunftsoption dar, weil sie – nach jetzigem Kenntnisstand – Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Energiedichte wirksam miteinander verbinden kann.
Was die Klimafrage betrifft, muss darauf verwiesen werden, dass sich die DPG hier nicht nur neutral und unbeteiligt verhalten kann. Sie hat am 22.1.1986 mit ihrer „Warnung vor der drohenden Klimakatastrophe“ vor geladenen Journalisten einen Stein ins Rollen gebracht, der in den vergangenen 25 Jahren schließlich zu einem finanziell nicht mehr steuerbaren weltweiten Klimaalarmismus geführt hat. Bereits zur Präsentation vor der Presse hat der damalige Vortragende der DPG gesagt, dass die Kohlendioxid-Klimakatastrophe vermutlich die schlimmste Katastrophe ist, die die ganze Menschheit bedroht und dass man sie nur eindämmen kann, wenn man das Übel an der Wurzel angeht. Dies bedeutet eine drastische Einschränkung der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Der entstandene Alarmismus hat mit seiner einseitigen Schuldzuweisung an das lebenswichtige und bezüglich einer schädlichen Klimaerwärmung wahrscheinlich völlig unschuldige Kohlenstoffdioxid zu einer regelrechten Korrumpierung dieses Teils der Wissenschaft beigetragen, was nun wieder in Ordnung gebracht werden muss. In einer Zeit des unvermeidlichen Spezialistentums in der Wissenschaft ist der Bürger darauf angewiesen, Vertrauen in die Arbeit der Fach-Wissenschaftler zu haben und – wo dies beschädigt ist – zu erwarten, dass alles getan wird, um es wiederherzustellen. Hierin sehe ich durchaus eine Bringepflicht der DPG in der nächsten Zeit.
Dr. Wolfgang Brune